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Osiris

Osiris. Quelle: Anja Semling

Gebieter der Unterwelt, (unterirdischer) Fruchtbarkeitsgott, Totenrichter, »Herr des Westens«, »Herr der Ewigkeit«, »Erster der Westlichen«

Hieroglyphen

Hieroglyphen für den Namen: Osiris (wsjr)


Ikonographie

Ikonographie und Verkörperung

  • Sohn von Geb und Nut; Gatte und Bruder der Isis.
  • Osiris ist Mitglied der Triade von Abydos.
  • Toten-, Sonnen-, Nilstrom- und Vegetationsgott.
  • Hauptkultort: Abydos.
  • Der Name Osiris bedeutet: »Stätte/Sitz des Auges«.

In der Mythologie ist Osiris der älteste Sohn des Erdgottes Geb und der Himmelsgöttin Nut, Gemahl seiner Schwester Isis und Bruder der Nephthys und des Seth.
Osiris, auch »Erster der Westlichen« genannt (Westen = Land der Toten), weil er der erste der Götter war, der "gestorben" und wieder auferstanden ist; anfangs als der Gott Chont-amenti (= Erster der Westlichen)

Osiris ist einmal chthonischer Fruchtbarkeitsgott (chtonisch = unterirdisch), als welcher er lebt, stirbt und wiederaufersteht wie das Korn, und also die Unsterblichkeit der pflanzlichen Natur repräsentiert. Sein zyklushaftes Werden und Vergehen, seine Wiederauferstehung in seinem Sohne Horus ist zugleich zum Bilde der Herrscherfolge geworden. Nach des Osiris' Tode beginnt der Kampf ums Erbe, sein Sohn Horus aber behält den Sieg gegen den unrechtmäßigen Prätendenten [Thronanwärter] (und Mörder des Osiris) Seth und folgt auf dem Thron. Der tote Osiris indes regiert als Herr in der Unterwelt und führt beim Totengericht den Vorsitz. (Nach Emma Brunner-Traut)

Über die Osiris-Legende steigt Osiris auf zu dem bekanntesten Gotte Ägyptens, vermischt sich mit vielen anderen göttlichen Wesenheiten und wird zum Inbegriff der göttlichen Familie mit Isis und Horus. Sein Weg nimmt im Verlaufe vieler Erscheinungsformen an, so auch Sonnengott, Fruchtbarkeitsgott und endet triumphal im Totengott, der das Jenseits beherrscht. Und dort das Fortleben und einst die Wiederauferstehung und den Eingang in ein neues, dazu ewiges Königreich bewirken kann.

Osiris als Herrscher des Totenreichs mit Atef-Krone auf dem Kopf, Krummstab und Geißel in beiden Händen

Weil jeder der stirbt, zum Osiris selbst wird und dadurch Anteil am Weiterleben hat. Von der 6. Dynastie an, als Osiris zum allgemeinen Totengott wurde, wünschten sich viele Ägypter, nach ihrem Tod in der Nähe des Gottes in Abydos, wo sich sein Grab befand, begraben zu sein.

Abb. links: Osiris als Herrscher des Totenreichs mit Atef-Krone auf dem Kopf, Krummstab und Geißel in beiden Händen.
Replik, Statuette aus Bronze, 8,2 cm hoch
(Privatsammlung und Foto: Anja Semling)


Der verstorbene Pharao auf Erden wurde mit Osiris gleichgesetzt und fortan wurde der König zum Herrscher der Unterwelt; und war nicht mehr der irdische Horus (Sohn des Osiris). Der tote Pharao nannte sich von da an Osiris-NN (beispielsweise Osiris-Neb-Maat-Re) und saß dem Totengericht vor. Im Alten Reich wurden lediglich die Könige zu einem Osiris-NN, doch ab dem Mittleren Reich jeder Mensch, sofern er das Totengericht bestand und er durfte somit "ewig" leben im Jenseits, zumindest solange das Jenseits Bestand hatte und dies zählte zum sogenannten "Sein"; ein wesentlicher Bestandteil der gesamten Schöpfung.

Osiris-Mythos in knapper Kurzfassung
Dem Mythos nach soll Osris in frühester Zeit als menschlicher Herrscher gewirkt und für Landkultivierung und Zivilisation gesorgt haben sowie den Wein- und Getreideanbau eingeführt haben. Osiris heiratete seine Schwester Isis, durch deren magische Kräfte er später zum Herrscher der Unterwelt wurde. Sein Bruder Seth, Herr über die Wüste und fremden Länder, der auf Osiris' Beliebtheit neidisch war, lockte ihn in eine Kiste, die er dann in den Nil warf, und ertränkte Osiris. Isis fand später den Leichnam, ließ ihn aber unbewacht, so dass Seth ihn in viele Teile schneiden und über ganz Ägypten verteilen konnte.
Isis ssuchte sie wieder zusammen und ließ sie von Anubis wie eine Mumie zusammenbinden. Isis nahm die Gestalt eines Falken an und schlug mit den Flügeln, wodurch sie Osiris wieder zum Leben erweckte und zeugte mit ihm Horus, der später seinen Vater rächte. Osiris aber wurde oberster Totengott im Jenseits.


Quelle und Copyright: Anja Semling

Als Gegenpart der Sonne ist Osiris auch ihr verborgener Anteil, das doppelte Wesen, welches Re für den Tag, Osiris für die Nacht personifiziert, eine nur wechselnde, niemals aber endende Funktion und das Gleichnis für Werden und Vergehen, Sterben und Wiederauferstehen.Sein Hauptkultplatz war Abydos, und dort fanden alljährlich an jedem vierten Monat vielbesuchte Mysterienspiele statt. Gern zog man in altägyptischen Häusern "Osiris Betten", kleine aus Ton geformte Osiris-Figuren in einer flachen Schale mit Erde, in der man Getreidekörner keimen ließ, bis das kleine grüne Gottesgärtchen im Innenriß die Götterfigur zeigte.

Abb. links: Osiris als Herrscher im Totenreich.
(Zeichnung: Anja Semling)


Dargestellt wird Osiris meist fest eingepackt in ein bis zum Hals reichendes Wickelgewand (bzw. Mumienbinden), die Arme auf die Brust gekreuzt, in den Händen die göttlichen Königsinsignien: Krummstab, Dreschflegel und was-Zepter. Auf dem Kopf die weiße Krone mit den beiden hohen Federn, die sogenannte Atefkrone. Seine Hautfarbe ist oft grün, kann aber auch schwarz dargestellt sein.

Kultsymbol ist der Djed-Pfeiler, das alte wohl aus dem Delta stammende, vielleicht auch prähistorische Symbol für Fruchtbarkeit, Dauer und Ewigkeit. Darstellungen von Osiris findet man besonders in Abydos, Edfu, Dendera, Philae und auf den Wandbildern vieler Gräber, besonders zu den Totentexten.

Mythologie – Geburt von Osiris
Als Atum zwischen sich und den Urwassern (Nun) eine Scheidung geschaffen hatte, indem er aus den Urwassern den bnbn-Hügel (Benben) auftauchen ließ, führte er mit seiner Hand seinen eigenen Samen zum Munde. Nachdem er so sich selber befruchtet hatte, spie er aus seinem Munde Schu und Tefnut aus, den Windhauch und die Feuchtigkeit. Dadurch ward er zum Vater und zur Mutter aller Götter. Denn Schu und Tefnut verbanden sich miteinander und zeugten Geb, die Erde, und Nut den Himmel. Geb und Nut aber, Geschwister wie ihre Eltern Schu und Tefnut, verbanden sich ebenfalls miteinander und zeugten Osiris, Seth, Isis und Nephthys.

Der Gott Osiris Chenti-Jmentiu. Copyright Bild: Elke Bassler

Abb. oben: der Gott Osiris Chenti-Jmentiu (das heißt soviel wie: Osiris Erster der Westlichen). Flankiert von einer widderköpfigen Gottheit und der Kobragottheit Neseret. Im Tal der Könige, KV 16, Ramses I., Pfortenbuch (4. Stunde).
(Foto: Elke Bassler)

Osiris wird Gott der Unterwelt

Für den alten Ägypter sind auch die Götter dem Todesgeschick unterworfen, und in besonders grausamer und drastischer Art verkörpert der Mythos um Osiris dieses unausweichliche Schicksal, das alle Wesen gemeinsam zu tragen haben.
Der Gott wird von seinem Bruder Seth nicht nur ermordet, sondern zerstückelt und in den Nil geworfen, der völligen Auflösung preisgegeben. Das Todesgeschehen in seiner schlimmsten Art überwältigt ihn, noch dazu vorzeitig, bevor er einen Erben gezeugt und für die Fortdauer seiner Herrschaft gesorgt hat, die nun Seth an sich reißt.
Von rituellem Begräbnis, von Einbalsamierung, kann keine Rede sein – Trost für jene Verstorbenen, die solche Hilfen entbehren müssen. Ihnen allen sagt der Mythos, dass Leben aus dem Tod selbst dort entsteht, wo die Voraussetzungen scheinbar hoffnungslos sind.

Treue über den Tod hinaus bewirkte das Wunder. Isis sammelt, von eifrigen Helfern unterstützt, die verstreuten Körperteile ihres Bruders und Gemahls, ergänzt das fehlende Glied und sorgt sogleich für Nachwuchs, indem sie vom starren Leichnam des Osiris den Horus empfängt. Damit ist der Plan des Seth gescheitert, es existiert ein Erbe, und die durch Recht und Herkommen geheiligte Erbfolge vom Vater auf den Sohn kann auch durch gewaltsamen Eingriff nicht außer Kraft gesetzt werden.

Abb. links: Osiris als Herrscher der Unterwelt.
Mit seinen Insignien: Flegel, Krummstab, Atefkrone, Widdergehörn. Ausschnitt aus einem Sarkophag. Frühe 22. Dynastie.
British Museum, London (Foto: Anja Semling)

Auch wenn sich Horus als Erbe noch vielfach bewähren muss, triumphiert am Ende seine Geschicklichkeit, durch List und Zaubermacht der Isis unterstützt, über die plumpe Kraft des gewalttätigen Seth. Feierlich spricht ein Göttergerichtshof in Heliopolis Recht: Osiris erhält die Herrschaft über die Tiefen, in die er hinabging, Horus wird auf Erden als König eingesetzt und verkörpert sich im regierenden Pharao. Nach einer Variante des Mythos endet der ganze Streit versöhnlich, da auch Seth seinen Anteil an der Herrschaft über die Weltensphären erhält – die zu ihm passende unfruchtbare Wüste und das Ausland, also Gebiete außerhalb der Ordnung, in denen sich seine unzähmbaren Kräfte austoben können. –(Verfasser Erik Hornung)


Namen und Beinamen des Osiris
Teil eines Gebets, das ein ramesidischer Beamter in Sis um 1250 v.Chr. an Osiris richtet

O … Osiris, an der Spitze der Westlichen, gerechtfertigter Gott,
Herr der Unendlichkeit, Herrscher der Ewigkeit,
ältester Sohn, den Geb erzeugte, erster aus dem Leibe der Nut,
Herr von Busiris, Herrscher von Abydos,
König über das Land des Schweigens [das Totenreich],
Allherr, groß an Ansehen, erhabener Widder an der Spitze von Naret,
göttlicher König, (du) der mit der Wahrheit zufrieden ist,
der größer als sein Vater, mächtiger als seine Mutter ist,
Herr dessen, was aus ihm entstanden ist,
Größter der Großen, Oberster seiner Brüder, Sohn der weißen Krone,
Erzeugter der roten Krone, Herr der Herren,
Herrscher der Herrscher, König der Götter …

(Text Stele Louvre, Übersetzung von H. Kees)


Osirismythos

Rhea (Nut), so erzählt man, vereinigte sich heimlich mit Kronos (Geb); das habe Helios (Re) bemerkt und sie verflucht, dass sie in keinem Monat und keinem Jahr gebären solle. Aber auch Hermes (Thot) liebte die Göttin und wohnte ihr bei. Als er hierauf mit der Mondgöttin Brett spielte und ihr den siebenzigsten Teil jedes Tages abgewonnen hatte, faßte er alle diese Teile zu fünf Tagen zusammen und schaltete sie hinter die 360 Tage (des Jahres), die die Ägypter deshalb noch jetzt »die Darangefügten« (Epagomenen) nennen und als Geburtstage der Götter feiern.
Am ersten Tage wurde Osiris geboren, und zugleich mit seiner Geburt ließ sich eine Stimme hören, dass der Allherr an das Licht trete; einige aber berichten, eine gewisse Pamyle in Theben habe beim Wasserschöpfen aus dem Tempel des Zeus eine Stimme vernommen, die ihr befahl, laut zu verkünden, dass der große König und Wohltäter Osiris geboren worden sei, und deshalb habe sie den Osiris, den ihr Kronos übergeben hatte, aufgezogen. Ihr zu Ehren werde deshalb das Fest der Pamylien gefeiert. Am zweiten Tage wurde Haroeris geboren, den manche Apollo, manche den älteren Horus nennen, und am dritten Tage Seth-Typhon; doch weder zur rechten Zeit noch am rechten Ort, sondern er sprang heraus, indem er mit einem Schlag, die Weiche seiner Mutter aufriß.

Am vierten Tage ward Isis im feuchten Element geboren und am fünften Tage Nephthys. Osiris und Haroeris stammen von Helios (Re), Isis von Hermes (Thoth) und Typhon (Seth) und Nephthys von Kronos (Geb) … Dem Typhon hat sich Nephthys vermählt; Isis und Osiris aber liebten einander schon vor ihrer Geburt und wohnten einander im Mutterleibe in der Finsternis bei. Einige behaupten, auf diese Weise sei Haroeris gezeugt worden, und er werde von den Ägyptern der ältere Horus genannt, von den griechen Apollo.

Abb. rechts: Osiris als Mumie mit seinen Insignien und der Krone von Oberägypten. Statuette aus Bronze. The British Museum, London (Foto: Anja Semling)

Osiris brachte, als er König war, die Ägypter sogleich von ihrer ärmlichen und rohen Lebensweise ab, indem er ihnen den Anbau der Feldfrüchte zeigte, Gesetze gab und sie die Götter zu verehren lerhrte. Später durchzog er das ganze Land und kultivierte es, wobei er kaum je Waffen nötig hatte; denn er gewann die meisten durch Überredung und Belehrung und zugleich mit jeder Art von Gesang und Musik. Deshalb schien er den Griechen derselbe zu sein wie Dionysos.
Seth-Typhon stiftete während seiner Abwesenheit keinerlei Unruhen, weil Isis gar sehr auf der Hut war und ihn scharf im Auge behielt. Doch als Osiris heimgekehrt war, stellte Seth ihm mit List nach – dabei hatte er 72 Männer zu Mitverschworenen und eine aus Äthiopien (Nubien) anwesende Königin, die die Ägypter Aso nennen, zur Helferin. Typhon maß nämlich des Osiris Leib heimlich aus und ließ nach seiner Größe eine schöne, reichgeschmückte Lade herstellen.
Diese brachte er zum Gelage mit, und als sich nun alle an dem Anblick erfreuten und die Lade bewunderten, versprach Typhon im Scherz, sie dem zum Geschenk zu geben, der sie völlig ausfüllen werde, wenn er darin liege. Als dies alle der Reihe nach versucht hatten und keiner hineinpaßte, stieg auch Osiris hinein und legte sich nieder.

Da liefen die Verschwörer herbei, warfen den Deckel zu, verschlossen die Lade von außen mit Nägeln und gossen heißes Blei darüber; dann trugen sie sie zum Flusse hinaus und schickten sie durch die tanitische Mündung ins Meer, die die Ägypter deshalb noch heute für hassenswert und abscheulich halten. Das geschah, so erzählt man, am 17. Athyr (13. November), an dem die Sonne den Skorpion durchläuft, während Osiris das 28. Jahr regierte …
Weil nun die um Chemmis wohnenden Pane und Satyren das Unglück zuerst erfuhren und die Nachricht davon verbreiteten, nennt man noch jetzt plötzliche Beunruhigungen und Schrecken der Menge »panische«.
Als Isis davon erfuhr, schnitt sie sich dort eine ihrer Locken ab und legte Trauerkleidung an … Überall umherirrend und ratlos, ging sie an niemandem vorbei, ohne ihn anzureden; ja sogar auch Kinder, auf die sie traf, fragte sie nach der Lade; die aber hatten sie zufällig gesehen und nannten ihr die Mündung, durch die die Freunde Typhons den Behälter in das Meer gestoßen hatten …

Als Isis erfuhr, dass Osiris, ohne es zu wissen, ihrer Schwester beigewohnt hatte, als sei sie (Isis) selbst, und sie als Beweis den Honigkleekranz erblickte, den er bei Nephthys zurückgelassen hatte, suchte sie das (dieser Verbindung entsprossene) Kind, denn Nephthys hatte es gleich nach der Geburt aus Furcht vor (Seth-)Typhon ausgesetzt. Nachdem es Isis mit Mühe und Not gefunden hatte, indem Hunde sie hinführten, zog sie es auf. Und es wurde ihr Wächter und Begleiter, Anubis genannt, von dem es heißt, dass er die Götter ebenso bewache wie die Hunde die Menschen.
Hierauf erfuhr Isis von der Lade, dass die Brandung sie sanft an einem Ereike-Baum abgesetzt habe, als sie von den Meereswogen im Gebiete von Byblos an das Land geworfen war. Als die Ereike in kurzer Zeit zum herrlichsten und größten Jungbaum aufgeschossen war, umfing sie die Lade ringsum, wuchs um sie herum und verbarg sie so in sich.
Der König von Byblos bewunderte die Größe des Baumes, schnitt den Stamm ab, der die Lade unsichtbar einschloß, und stellte ihn als Pfeiler unter sein Dach.
Das erfuhr Isis, so erzählt man, durch das dämonisch-göttliche Wehen des Gerüchtes und kam nach Byblos, setzte sich niedergeschlagen und verweint an eine Quelle und sprach mit niemandem. Nur den Dienerinnen der Königin begegnete sie freundlich und liebreich, indem sie ihnen das Haar flocht und ihrer Haut einen wunderbaren Wohlgeruch einhauchte, der von ihr selbst ausströmte.
Als die Königin die Dienerinnen sah, befiel sie ein Verlangen nach der Fremden, deren Haar und Haut Ambrosia aushauchte. Sie ließ sie darum holen, wurde mit ihr vertraut und machte sie zur Amme ihres Knäbleins. Jener König aber hieß Malkathros, seine Gemahlin nach einigen Astarte, nach anderen Saosis oder Nemanûs, was die Griechen etwa Athenais nennen würden.
Isis nährte nun das Knäblein, indem sie ihm statt der Brust den Finger in den Mund steckte. Nachts aber verbrannte sie das Sterbliche an seinem Körper, während sie sich in eine Schwalbe verwandelte und klagend den Pfeiler umflog, bis die Königin sie dabei beobachtete und laut aufschrie, als sie das Kind verbrennen sah; dadurch raubte sie ihm die Unsterblichkeit.
Jetzt erbat sich die Göttin, da sie offenbar geworden war, den Pfeiler des Daches, zog dann den Ereikestamm ganz leicht unter dem Dache heraus und schnitt ihn ringsum weg. Dann umhüllte sie ihn mit Linnen, goß Salbe darauf und übergab ihn dem Königspaar. Und noch heute verehren die Byblier dieses Holz, das im Tempel der Isis liegt.
Dann aber warf sie sich über den Sarg und wehklagte so heftig, dass der jüngere Sohn des Königs starb. Den älteren nahm sie mit sich. Sie legte den Sarg in ein Schiff und segelte davon. Als der Fluss Phaidros gegen Morgen einen rauheren Wind aufkommen ließ, geriet sie in Zorn und ließ seinen Lauf vertrocknen.
Sobald sie in die Einsamkeit gelangt und mit sich allein war, öffnete sie den Sarg, schmiegte ihr Angesicht an das der Leiche, küßte sie und weinte. Da nun das Knäblein von hinten lautlos herantrat und zusah, merkte sie es, wandte sich um und warf ihm im Zorn einen furchtbaren Blick zu; das Kind aber vermochte den Schreck nicht zu ertragen, sondern fiel tot um …
Da Isis zu ihrem Sohne Horus reiste, der in Buto aufgezogen wurde, stellte sie den Sarg beiseite; aber Typhon stieß auf ihn, während er bei Nacht im Mondscheine jagte. Er erkannte den Leichnam, zerriß ihn in vierzehn Stücke und streute sie umher. Als Isis das vernahm, fuhr sie in einem Papyrusboote durch die Sümpfe und suchte die Stücke wieder zusammen … Aus diesem Grunde spricht man auch von vielen Gräbern des Osiris in Ägypten, da Isis für jedes einzelne Glied dort, wo sie es fand, ein Grab errichtete. Andere leugnen das; sie habe vielmehr einige Nachbildungen der Leiche gemacht und sie den einzelnen Städten geschenkt, als ob sie ihnen den wahren Leichnam gebe. Denn er sollte von mehreren Verehrung genießen und Typhon sollte, falls er die Oberhand über Horus gewänne und das wahre Grab suchte, den Mut verlieren, da viele Gräber genannt und gezeigt würden …
Dann kam Osiris aus der Unterwelt zu Horus, rüstete ihn für die Schlacht und übte ihn ein. Hierauf fragte er ihn, was er für das Edelste halte. Als er nun antwortete: »Vater und Mutter, denen Böses widerfuhr, zu rächen«, fragte Osiris ihn zum zweiten, welches Tier er als das nützlichste betrachte für die, die zum Kampfe ausziehen. Als nun Horus antwortete: »Das Pferd«, wunderte er sich darüber und fragte, warum er nicht den Löwen, sondern das Pferd genannt habe. Doch Horus sagte, der Löwe sei für den nützlich, der der Hilfe bedürfe, das Pferd dagegen dazu, den fliehenden Feind zu zerstreuen und völlig zu vernichten. Als Osiris dies hörte, freute er sich, weil Horus sich demnach genügend vorbereitet hatte.
Die Schlacht dauerte viele Tage und Horus blieb Sieger. Als Isis auf den gefesselten Typhon traf, tötete sie ihn nicht, sondern löste ihn und ließ ihn frei. Das nun ertrug Horus nicht mit Gleichmut, sondern legte Hand an seine Mutter und riß ihr die Krone vom Haupt. Doch Hermes (Thot) setzte ihr dafür einen kuhköpfigen Helm auf.
Als Typhon den Horus (vor Gericht) wegen unehelicher Geburt verklagte, wurde dieser mit Hilfe des Hermes von den Göttern für ehelich erklärt. Typhon aber erlitt in zwei weiteren Schlachten eine vollständige Niederlage. Isis indes brachte von Osiris, der ihr noch nach seinem Tode beigewohnt hatte, den Harpokrates als Frühgeburt und an den unteren Gliedmaßen zu schwach zur Welt.

Das sind so ungefähr die Hauptzüge des Mythos unter Auslassung des Widerwärtigsten, wozu die gliedweise Zerstückelung des Horus (zur Strafe wegen der Köpfung seiner Mutter) und die Köpfung der Isis gehören …
[eine ausführliche Version, mit der Köpfung Isis etc., findet sich in "Die Mythen der Ägypter" von Walter Beltz, ISBN 3-426-03743-2]

Quelle und Erklärungen (nach E. Brunner-Traut):
Der Text ist überliefert in: Plutarch (46–120 n.Chr.), De Iside et Osiride, Kap. 12–20; zuletzt übersetzt von J.G. Griffiths, Plutarch's De Iside et Osiride (Univ. of Wales Press) 1970, S. 135 ff. – Die Verbrennung des Kindes ist griechische Erweiterung […]; auch sonst sind die Züge des Gottes [Osiris] und seiner Geschichte abgewandelt. Was wir aus ägyptischen Quellen wissen, ergibt kurz folgendes:
Osiris ist einmal chthonischer Fruchtbarkeitsgott, als welcher er lebt, stirbt und wiederaufersteht wie das Korn, und also die Unsterblichkeit der pflanzlichen Natur repräsentiert. Sein zyklushaftes Werden und Vergehen, seine Wiederauferstehung in seinem Sohne Horus ist zugleich zum Bilde der Herrscherfolge geworden. Nach des Osiris' Tode beginnt der Kampf ums Erbe, sein Sohn Horus aber behält den Sieg gegen den unrechtmäßigen Prätendenten [Thronanwärter] (und Mörder des Osiris) Seth und folgt auf dem Thron. Der tote Osiris indes regiert als Herr in der Unterwelt und führt beim Totengericht den Vorsitz.
In den Mythos sind weitere Personen eingegangen. Die Gottesgemahlin Isis beweint den Verstorbenen und besorgt seine Leiche, postum empfängt sie den Knaben Horus und zieht in unter großer Bedrängnis auf. Nephthys ist ihre Klageschwester. Ein ganzer Kranz von Einzelmythen schlingt sich um die Schicksalsfolge, deren Mysterienspiele in später Fassung von hellenistischen Kultgemeinden aufgenommen und erweitert wurden.
Obwohl Osiris eine der mächtigsten Gottesgestalten ägyptischer Religion war, so dass sein Kult den des gesamten Mittelmeerbeckens beeinflußt hat, ist uns aus Ägypten selbst kein zusammenhängender Mythos von ihm überliefert; wir sind vielmehr angewiesen auf zerstreute, wenngleich zahlreiche Anspielungen und vereinzelte Motive bzw. volkstümlich-märchenhafte Abwandlungen. Erst von Plutarch ist der Mythos in geschlossener Erzählung erhalten. Jedoch hat er ihn kennengelernt, als er bereits recht aufgelöst und mit griechischem Gedankengut durchsetzt umging.

Osiris-Hatschepsut; osirisches Bildnis der Herrscherin nach ihrem Tode.
Nach dem Einzug ins Totenreich (Amentet) nimmt der Pharao auch die Gestalt von Osiris an, da der Pharao selbst zu einem Osiris geworden ist (Osiris-NN). Der Pharao herrscht von da an nicht mehr im irdischen Reich bei den Lebenden sondern im unterirdischen Totenreich bei den seligen Verstorbenen.

Totentempel der Pharaonin Hatschepsut, Deir el-Bahari (Foto: Bernadette Andics)


Lobeshymne an Osiris

»Preis dir Osiris, du Herr der Ewigkeit,
Du König der Götter,
Du mit vielen Namen, herrlichem Wesen.

Mit geheimnisvollen Gebräuchen in den Tempeln …
Der Herrlichste an der Spitze der Edlen,
mit dauerndem Amte und gefestigter Herrschaft …

Der Erbe des Keb [der mytologische Vater des Osiris]
im Königtum der beiden Länder.
Er sah, wie trefflich er war und er
vertraute es ihm an,
die Länder zum Glücke zu leiten.
Er legte dieses Land in seine Hand,
sein Wasser und seine Luft,
sein Kraut und all seine Herden,
alles was fliegt und alles was flattert,
seine Würmer und sein Wild
waren dem Sohne … übergeben,
und die beiden Länder waren damit zufrieden …
Seine Schwester schirmte ihn, sie,
die die Feinde abhielt und die
Taten des Bösewichts zurückdrängte,
durch das Gute ihres Mundes …«

»Die gute Isis, die ihren Bruder schützte,
die ihn suchte ohne zu ermüden,
die trauernd dieses Land durchirrte und sich
nicht niederliess ehe sie ihn gefunden hatte.
Mit ihren Federn bereitete sie Schatten und
ihren Flügeln liess sie Luft entstehen.
Sie, die jubelte, als sie ihren Bruder ans Land zog …«

»Alle Leute waren froh, mit fröhlichem Sinn
und freudigem Herzen.
Alle Menschen jubelten und alle Leute verehrten
seine Güte: wie sehr lieben wir ihn !
Seine Güte durchzieht die Herzen und
die Liebe zu ihm ist gross bei allen.
Der Sohn der Isis hat seinen Vater geschützt
und sein Name ist schön und trefflich gemacht.
Die Kraft hat ihren Platz eingenommen
und der Wohlstand dauert bei seinen Gesetzen.
Die Wege stehen offen und die
Pfade sind geöffnet.
Wie sind die beiden Länder zufrieden.
Das Böse ist verschwunden und das
Übel ist vergangen.
das Land ist glücklich unter seinem Herrn.
Das Recht ist für seinen Herrn festgestellt
und dem Unrecht ist der Rücken gekehrt«.

(Übersetzung nach Erman)




Götter und Göttinnen im alten Ägypten

Amun
Anubis
Anuket
Apis
Apophis
Aton
Atum
Bastet
Bes
Chnum
Chons

Geb
Hapi
Hathor
Horus
Imhotep
Isis
Maat
Min
Month
Mut
Nechbet

Nefertem
Neith
Nephthys
Nun
Nut
Osiris
Ptah
Re
Serapis
Schu
Sachmet

Selket
Seschat
Seth
Sobek
Tefnut
Thot
Toeris
Upuaut
Wadjet
Wosret


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