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Ritus der Mumifizierung

Die Technik des Einbalsamierens und der Mumifizierung der Leichen, so glaubte der Ägypter, sei ein Brauch göttlichen Ursprungs.

Bildausschnitt aus einem Totenbuch. Bildquelle: Anja Semling

Abb. oben: Bildausschnitt aus einem Totenbuch. Die fertig einbalsamierte und eingepackte Mumie liegt auf einer Löwenbahre.


Früher unterschied man zwischen natürlichen und künstlichen Mumien. Die ersteren waren die Leichen, die sich ohne besondere Behandlung erhalten hatten. Auch heute schreibt man die aufsehenerregende Konservierung der ägyptischen Leichen nur an zweiter Stelle der Einbalsamierungstechnik zu, während der Hauptfaktor das ausnehmend trockene Klima in Ägypten sein soll, das ein vollständiges Fehlen von Bakterien in der Luft und im Sand ermöglicht. Die Körper der Toten, die in Särgen in Grabkammern beigesetzt wurden, konnten aber nur aufgrund der aufwändigen Mumifizierungstechniken erhalten werden, da die Luftventilation in luftdicht abgeschlossenen Särgen und Kammern ja fehlte. Diese Feststellung dereinst, führte sodann zu ersten Experimenten mit den toten Körpern; die Ägypter entfernten beispielsweise die Eingeweide, und dies wohl ab Ende der 3. oder Anfang der 4. Dynastie (um 2600/2500 v.Chr., Altes Reich). Das sogenannte Natron wurde zusehends ein wichtiger Bestandteil der klassischen Mumifizierung. Es gab aber unterschiedliche Balsamierungsmethoden in den verschiedenen Zeitepochen.

Mumifizierung sehr kurzgefaßt, in der Reihenfolge wie rechtsstehend:




Zeichnung: Anja Semling

  • Rituelle Waschung.
  • Entfernung des Gehirns.
  • Entfernung der Eingeweide.
  • Waschung der Leiche.
  • Behandlung der Eingeweide.
  • Entwässerung der Leiche.
  • Waschung der Leiche.
  • Ausstopfung von Schädel und Körperhöhlen.
  • Besondere Behandlung der Nägel, der Augen und der äußeren Genitalien.
  • Salbung und Massage der Leiche nach der Entwässerung.
  • Plazierung der Leistenabdeckung.
  • Letzte Vorbereitungen vor der Bandagierung, Behandlung des Leichnams mit Harz.
  • Bandagierung.


Riten der Einbalsamierung und Mumifizierung
– Details aus einer Malerei auf einem spätägyptischen Sarg (zeichnerische Rekonstruktion):

Zeichnung: Anja Semling
Abb. oben: Rituelle Waschung (rechts) und Einbetten der Mumie in Natronlauge? (links)


Nachdem der Tote ins Reinigungszelt (altägyptisch: wabet) gebracht wurde, begannen die Einbalsamierer mit ihrer Arbeit: Als erstes wurde der Körper des Toten mit Wasser oder Palmöl gewaschen. Abbildung oben: Reinigendes Besprengen des Leichnams mit Wasser, bzw. wahrscheinlich einer Natronlösung. Priester führten dieses Ritual durch.
Anzumerken sei: die Techniken des Einbalsamierens variierten zu pharaonischen Zeiten. Vor allem im Alten Reich und Mittleren Reich wurde noch viel experimentiert, im Neuen Reich dann hatten die Ägypter die Mumifizierungstechnik weitgehend perfektioniert.

Zeichnung: Anja Semling
Abb. oben: Der Leichnam liegt auf einer Löwenbahre, Rituale werden von Priestern vollzogen.


Der Leichnam wurde aufgebahrt in der Einbalsamierungsstätte; weitere komplizierte Rituale folgten. Priester rezitierten aus einer Papyrusrolle; jedes Stadium der Einbalsamierung ist von der Rezitation ritueller Texte begleitet.
Das Gehirn wurde mit einem langen Bronzehaken stückchenweise durch die Nase herausgezogen. Der geleerte Schädel wurde z.B. mit Leinenstückchen oder Harz gefüllt. Die Eingeweide Darm, Leber, Lunge und Magen wurden dem Leichnam herausgeschnitten. Das Herz aber blieb im Körper. Die anderen inneren Organe wurden in Natronsalz getrocknet, mit Baumharz überzogen, mit Binden umwickelt und in spezielle Krüge (Kanopen) gelegt.
Dann wurde der ganze Körper in Natron eingelegt, in dem er 35–40 Tage blieb um das Wasser im toten Körper zu entziehen. Die Hohlräume wurden mit Leinentüchern, Sand oder Sägemehl gefüllt. Manchmal wurden auch die mit Binden umwickelten inneren Organe hineingelegt.
In die trockene Haut des Körpers wurden parfümierte Öle und Harze eingerieben. Das machte sie weich und wohlriechend. Die Stelle, an der der Körper aufgeschnitten worden war, wurde mit einem Amulett abgedeckt.

Zeichnung: Anja Semling
Abb. oben: die fertige Mumie: links mit Kanopen, rechts mit einem Priester, verkleidet als Anubis.


Das Bandagieren wird unter Anleitung des als Anubis verkleideten "Chefbalsamierers" ausgeführt. Der Körper wurde alsdann mit Leinenbinden umwickelt. Zwischen die Schichten legten die Priester glücksbringende Amulette. Mit einer aus Gold bemalten Maske oder bemaltem Leinen oder Gips, wurden der Kopf und die Schultern bedeckt. Der mumifizierte Körper wurde z.B. in einen Holzsarg gelegt, der Menschenform hatte und mit Malereien und Zaubersprüchen geschmückt war, innen sowie außen.

Zeichnung: Anja Semling
Abb. oben: ganz links ein Priester der von einer Papyrusrolle rezitiert, neben ihm ein Sem-Priester, mittig die Opfergaben, und rechts im Bild die Trauernden.


Die Angehörigen des Verstorbenen und Priester bereiteten ein Opfermahl vor. Nach der aufwändigen Bestattungszeremonie wurden die Lebensmittel verspeist und dem Toten mit in sein Grab für die Ewigkeit gegeben.


Abb. oben: Leinen für eine (womöglich königliche?) Mumie, bzw. für den verstorbenen König oder Adligen, das mit ins Grab gelegt wurde. Funäre Grabbeigabe. British Museum, London (Foto: Anja Semling)


Drei-Klassen-Mumifizierung

Ab dem Neuen Reich existierten drei Klassen von Einbalsamierungen, wobei die teuerste nur den Reichen möglich war. Bei den Menschen die der mittleren Schicht angehörten, begnügte man sich damit, syrmaia-Saft in die Därme zu injizieren, ein griechisches Wort für "Meerrettich" (eine Art schwarzer Rettich), und dann den Körper zu trocknen. Für die Mumifizierung zum mittleren Preis spritzte man Zedernöl in den Unterleib, bevor man den Körper in das Natron tauchte. Wenn man ihn wieder herauszog, floß das Zedernöl heraus und führte die Eingeweide mit sich, die es verflüssigt hatte. Die echte Mumifizierung erster Klasse war sehr teuer.
Die Toten der Armen aber wurden weiterhin in Schilfmatten von ihren Familienmitgliedern eingewickelt und im Wüstensand begraben. Dort trocknete der Leichnam auf ganz natürliche Weise aus und blieb somit erhalten.

Die Mumifizierung erster Klasse ging wie folgt vonstatten:

Der Körper des Toten wurde den Händen von Spezialisten übergeben. Das erste, was diese taten, war, das Gehirn mit einem Haken durch die Nasenlöcher herauszuziehen.

Danach wurde der Schädel mit einer Mischung aus Baumharzen, Bienenwachs und duftenden Pflanzenölen gefüllt. Beim Abkühlen wurde die Masse ziemlich hart. Dann wurde mit einem sehr scharfen Messer ein Schnitt in die linke Seite des Körpers gemacht und die Eingeweide nebst Innereien herausgezogen. Später wurde dieser Schnitt meist mit Wachs wieder versiegelt.

Abb. rechts: mumifizierter und einbandagierter Fuß.
British Museum, London (Foto: Anja Semling)


Diese Eingeweide (Magen und Darm), mit Leber und Lunge wurden, nachdem man sie sorgfältig behandelt hatte eingewickelt und dann, je nach Rang des Verstorbenen, in vier Kanopengefäße (Abbildung weiter unten) aus Ton, Quarzit, Alabaster, Stein oder Metall, gefüllt. Diese Gefäße, die in einen einzigen Behälter neben den Toten gestellt wurden, hatten ab einer bestimmten Zeit (im Neuen Reich) auf ihren Deckeln vier verschiedene Köpfe aufmontiert, die die vier Grabgeister darstellten:
ein menschlicher (Amset), der eines Schakals (Duamutef), eines Raubvogels (Kebehsenuef) und der eines Pavians (Hapi). Das Herz wurde im Körper belassen, denn es war nach dem Glauben der alten Ägypter der Sitz der Intelligenz und der Gefühle. Danach wurde das Innere des Bauches und Magens sorgfältig mit Palmwein gewaschen. Der so vorbereitete Körper wurde in Natron eingelegt – was nichts anderes als Natriumkarbonat, ein Salz, in natürlicher Form war.

Dieses wurde von Seeufern abgesammelt. Der tote Körper, innen und außen mit Natron gefüllt, bzw. umgeben, wurde 35–40 Tage lang darin belassen (nach Herodot waren es 70 Tage).

Abb. links: Säckchen mit Natron – Natron = Natürliche Salzform, die im Boden ausgetrockneter Seen gefunden wird. (Bildquelle: Stefan Eggers)


Das Salz verhinderte auch die Ausbreitung von Schimmel und wirkte als Desinfektionsmittel. Nach dieser Prozedur waren die Muskeln und das Fleisch vollkommen ausgetrocknet. Das Innere des Körpers wurde schließlich mit gestoßener Myrrhe und Sägemehl/-späne wohlriechender Hölzer gefüllt. Ebenso wurde die getrocknete Haut mit duftenden Salbölen eingerieben.
Die Augen wurden durch glasierte Pupillen ersetzt oder eingedrückt und durch Leinenbälle ersetzt, manchmal auch Zwiebeln. Nasenlöcher, Mund und Ohren wurden mit Leinenpfropfen verstopft.
Die Haare der Männer wurden kurz geschnitten, den Frauen beließ man sie dagegen in ihrer Länge. Danach nahm man schmale, auf der Unterseite mit Harz getränkte Binden. Damit wurde erst jeder Finger einzeln, dann die Hand, dann der Arm umwickelt. Das gleiche wurde mit jedem Gliedmaß durchgeführt, außer mit dem Kopf, dessen Behandlung sehr viel behutsamer war. Für die erste hautnahe Schicht wurde ein nesselähnliches Gewebe verwendet.

Der Körper war mit verschiedenen, so perfekt auf einander klebenden Stoffschichten – diese konnten schon mal einige hundert Meter lang sein – bedeckt.

Eine Rolle Leinen von einer Mumie, 25. Dynastie. Diese Leinenstoffe waren unverzichtbar für ein "Erste-Klasse"-Mumifizierung. British Museum, London (Foto: A. Semling)


Dann wurde der Körper in seiner ganzen Länge mit Binden umwickelt. Er wurde mit über der Brust gekreuzten oder eng an den Seiten anliegenden Armen hingelegt. Die Leichen der Pharaonen wurden hingegen in ein Tuch oder in eine aus Gold gearbeitete Hülle getan, die den Verstorbenen im Relief darstellte.

Einbalsamierte hochgestellte Persönlichkeiten, auch Mumien aus der Spätzeit, tragen oft vergoldete Mumienmasken (Totenmasken).

Abb. links: Uschebti auf einer mit Leinen umwickelten Mumie. British Museum, London (Foto: Anja Semling)

Ein sehr prominentes Beispiel zu vergoldeten Mumienmasken sind die gut erhaltenen Gesichtsmasken von Juja und Tuja (Schwiegereltern von König Amenophis III.)

Abb. rechts: Vergoldete Totenmaske von Juja.
Ägyptisches Museum, Kairo (Fotos: Jon Bodsworth)


"Gold ist das Fleisch der Götter"
Gemäß dieser Glaubensvorstellung der alten Ägypter ist die vergoldete Totenmaske aus purem Gold, ein Hinweis auf die Verwandlung von einem Sterblichen zu einem verklärten, gottähnlich ewig Lebenden.
Gold ist die Farbe der Sonne – und der ägyptischen Götter: Das Gold hatte im Alten Ägypten eine andere Bedeutung als heutzutage, es besaß magische oder auch göttliche Kräfte und war das »Fleisch der Götter«. Gold war ein heiliges Metall und sollte nicht nur zieren, sondern mit magischer Kraft erfüllen. Mit diesem Wissen wird auch die Bedeutung und werden die Formen des Schmuckes verständlich, welchen die Könige, Königsgemahlinnen, Prinzen und Prinzessinnen, Beamte und Untertanen trugen sowie jenen mit ins Grab gegeben wurde. Silber dagegen war das 'Knochen'gerüst und Lapislazuli die Haarfarbe der Götter.



Kanopen (Eingeweidegefäße)

Mit diesem Ausdruck bezeichnet man die Eingeweidegefäße, wobei Krüge und Kästen zu unterscheiden sind. Die Kästen haben vier Fächer für Leber, Lunge, Magen und Därme. Diese Eingeweide mit Leber und Lunge wurden, nachdem man sie sorgfältig behandelt hatte eingewickelt und dann, je nach Rang des Verstorbenen, in vier Kanopengefäße aus Ton, Quarzit, Alabaster, Stein oder Metall, gefüllt.
Entsprechend besteht auch ein kompletter Satz von Einzelkrügen aus vier Exemplaren. Bei den frühesten Kanopen ist die Gefäßabdeckung ein flacher Deckel; ab ca. 2100 v.Chr. bis zum Neuen Reich stellten die Verschlüsse noch den Kopf des Verstorbenen dar – menschenköpfige Deckel. Ab Mitte der 18. Dynastie bekam jeder Deckel die Form des Kopfes der Gottheiten (Abb. unten), welche die Funktion des jeweiligen Organs im lebenden Körper sicherstellten, dies waren:

Hapi – Lunge
Hapi mir Paviankopf

Duamutef – Magen
Duamutef mit Hundekopf

Kebehsenuef – Därme
Kebehsenuef mit Falkenkopf

Amset – Leber
Amset mit Menschenkopf


Die Gefäße gelten als Verkörperungen der vier Söhne des Gottes Horus. Genannt: "Horuskinder".
Es gab auch innen nicht ausgehöhlte sogenannte Scheingefäße aus Kalkstein. Solch Scheinkanopen gab es häufig in der Epoche um 1000 v.Chr., als man bei Mumien von Privatleuten häufig die Eingeweide entweder im Körper beließ oder nach Mumifizierung und Einwicklung in die Körperhöhle zurücklegte. Von dieser Sitte ging man später wieder ab, doch solange sie galt, gab man inkonsequenterweise den Toten auch Kanopengefäße mit. In diesen Fällen handelt es sich entweder um Scheingefäße ohne Hohlraum oder um leere Gefäße bzw. solche, die mit Wachsfiguren gefüllt waren.

Deckel in Menschenkopfform für Kanopen

Abb. oben: Deckel in Menschenkopfform für Kanopen.
British Museum, London (Foto: Anja Semling)

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