Geburtsmythos der Hatschepsut

Die Königin Hatschepsut hat schon zu ihren Lebzeiten ihre "Geburtsgeschichte" aufzeichnen lassen.

Vorspann zum Geburtsmythos: Die These ob die Königin Hatschepsut selbst, diese, ihre Geburtsgeschichte erfunden hatte, ist schwerlich beweisbar und wird im allgemeinen auch ausgeschlossen. Der Geburtsmythos der Hatschepsut hat seine inhaltlichen Ursprünge, seine ältere Entstehung, offensichtlich in viel weiter zurückliegender Zeit, als die der 18. Dynastie (Neues Reich), nämlich im Alten Reich. Und eine schriftlich fixierte Vorlage findet sich sogar schon aus der 5. Dynastie im "Papyrus Westcar", der von der Geburt der drei Gott-Könige berichtet (...)

Copyright Foto: Jon Bodsworth


Abb. oben: Kopf einer großen Statue der Herrscherin Hatschepsut, aus Deir el-Bahari.
Ägyptisches Museum, Kairo. (Copyright Foto: Jon Bodsworth)


(...) Außerdem ist wissenschaftlich noch immer umstritten was der eigentliche Zweck dieser Anbringung der bildlich und schriftlich fixierten Szenen des Mythos' im Tempel der Hatschepsut, gewesen sein mag. Man ist sich uneins darüber ob dies zu propagandistischen Zwecken, aus Gründen zur Legitimation, zum Beweis der Doppelnatur der Königin (Gott und Mensch) oder rein religiösen Gründen, diente.
»Die Reliefs [Mythos-Aufzeichnungen] in Deir el-Bahari werden keinen anderen Sinn haben, als die übrigen ägyptischen Tempelbilder, und der war gewiß nicht der einer politischen Propaganda!« (Helmut Brunner)

Desweiteren behaupten manche Wissenschaftler, dass der Mythos garnicht im Diesseits, also in irdischen Gefilden, "spielte", sondern vielmehr ein rein jenseitiges Ereignis gewesen sein soll; was aber gleich wieder die Frage aufwirft: warum eine weitere Zeugung und Geburt mit einer menschlichen Mutter in der Götterwelt, bzw. im Jenseits!? Davon abgesehen, dass eine Wiedergeburt im Jenseits, auch für die alten Ägypter, unter dem Begriff Mysterium einzuordnen ist, ... Natürlich wird der Ägypter nach Bestehen des Totengerichts wiedergeboren um teilzunehmen in der göttlichen Sphäre, nach dem Glauben altägyptischer Denkart. Auch die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits sind oft verwischt zu "sehen" und somit erübrigt sich die Frage nach dem Wo – ob Diesseits oder Jenseits – vielleicht?! Wobei einiges dafür spricht, dass der Mythos nicht im Jenseits sich ereignete, sondern in der Welt der Lebenden auf Erden; dafür sprechen auch die zahlreichen Beischriften im Bildzyklus (siehe dazu auch weiter unten im Text).

Keine Gemeinsamkeiten des Mythos' finden sich übrigens mit (alten) Ritualen; es handelt sich bei dem Geburtsmythos vielmehr um ein Kompositum aus einem Bilderzyklus über das selbe Thema und einer fortlaufenden Erzählung (mit vielen direkten Reden).

Hatschepsut-Geburtsmythos:
Der Original-Bilderzyklus mit seinen ausführlichen Inschriften zum dargestellten Geburtsmythos der Hatschepsut, befindet sich im berühmten Terrassentempel (Totentempel) der Königin Hatschepsut in Deir el-Bahari. Dieser dort aufzeichnete Geburtsmythos erzählt von der göttlichen Abstammung dieser Königin und somit von den einstigen mythischen Geschehnissen ihrer göttlichen Zeugung und Geburt.

Quelle: Elvira Kronlob

Desweiteren ist dieser Bilderzyklus von 15 Szenen mit seinem Text, als Publikation veröffentlicht: E. Naville, The Temple of Deir el Bahari II, Tafel 46–55. Untenstehende Bild-Auswahl (nur auszugsweise) befindet sich auf den Tafeln 47–52. Folgender Text stellt in Bezug auf die Bildausschnitte insofern eine Abweichung dar, als er sich auf eine Königin bezieht und nicht auf einen König.
Die ausführlichen Erklärungen zu den bildlichen Darstellungen und Übersetzungen der Inschriften finden sich in: Ägyptologische Abhandlungen, Die Geburt des Gottkönigs (Studien zur Überlieferung eines altägyptischen Mythos), Hellmut Brunner, Harrassowitz-Verlag (1. Aufl. 1964; 2. Aufl. 1984).

Abb. links: die schwangere Königin Ahmose, die von zwei Gottheiten – Chnum und Heket, nur angedeutet auf Bildausschnitt – an die Geburtsstätte begleitet wird, wo Sie bald darauf Hatschepsut gebähren wird. – Szene an Hatschepsuts Jubiläumstempel / mittlerer Portikus, Deir el-Bahari.
(Foto: Elvira Kronlob)


Allgemeines zum Geburtsmythos:
In weiteren Tempeln (z.B. Luxor) aus der Zeit zwischen 1400 und 1100 v.Chr. stehen Paralleltexte. Diese lassen darauf schließen, dass dieses mythisch fixierte Konzept, für Zeugung und Geburt eines jeden Pharao dieser Zeit galt. Dieser sogenannte Geburtsmyhtos ist somit auch die mythische Erklärung für die göttliche Natur Pharaos und seine Gottessohnschaft. Und durch diesen Mythos ist Pharao als rechtmäßiger Herrscher über Ägypten ausgewiesen. Die mythische Vorstellung von der göttlichen Geburt eines Herrschers auf Erden, ist bis in die Spätzeit, ja gar bis in die römischen Kaiserzeit, lebendig geblieben. Und vielleicht weit darüber hinaus(?); Emma Brunner-Traut hält den Geburtsmythos sogar für die literarische Quelle der Gottessohnschaft Jesu. (Vgl. dazu E. Brunner-Traut, "Pharao und Jesus als Söhne Göttes").



Nach Emma Brunner-Traut »Altägyptische Märchen und Mythen«, 11. Auflage 1997, S. 111–121:

Die wunderbare Geburt des Gottkönigs

Amun hat die große Götterneunheit im Himmel zu sich berufen und verkündet ihr seinen Entschluß, dem Lande Ägypten einen neuen König zu erzeugen, und er verheißt den Göttern alles Gute durch ihn. Thronfolger wird im hier folgenden Text Hatschepsut, eine der wenigen Frauen, die königliche Würden für sich beansprucht haben.
»Sie baut eure Kapellen«, spricht Amun zur Götterneunheit, »sie weiht eure Tempel ... sie bringt euch reichlich Opfer dar ... Es soll der Tau vom Himmel fallen zu ihrer Zeit, ... und die Nile sollen hoch sein zu ihrer Zeit. Umgebt sie mit eurem Schutz, mit Leben, Glück bis in Ewigkeit.«
Die Götterneunheit antwortete: »Wir sind gekommen, damit wir sie mit unserem Schutz, mit Leben und Glück umgeben ...« Amun beauftragt Thot, den Weisheitsgott und Boten, nach Königin Iahmes, der Gemahlin des regierenden Königs, zu suchen, die er als zukünftige Mutter der Thronfolgerin auserwählt hat, und Thot antwortet ihm folgendermaßen: »Diese junge Frau ist eine Fürstin, sie heißt Iahmes. Sie ist schöner als alle Frauen im ganzen Lande. Sie ist die Gemahlin des Königs, des Königs von Ober- und Unterägypten, Thutmosis' I., Seine Majestät ist noch ein Kind*. Geh doch zu ihr hin ...« Darauf geleitet Thot den Amun zur Königin Iahmes.

[* Dass der König als Kind bezeichnet wird, ist eine Weise, die Unschuld der Königin zu formulieren]

Es kam der herrliche Gott, Amun, der Herr der Throne der beiden Länder, nachdem er die Gestalt der Majestät ihres (der Iahmes) Gemahls angenommen hatte, des Königs von Ober- und Unterägypten, Thutmosis' I. Er fand sie (Iahmes), wie sie im Innersten ihres Palast ruhte. Da erwachte sie durch den Duft des Gottes, und sie lächelte Seiner Majestät entgegen. Sogleich ging er hin zu ihr und ward voller Verlangen nach ihr. Er ließ sie in sein Herz schauen und gab sich ihr zu erkennen in seiner Gottesgestalt, nachdem er zu ihr herangetreten war. Sie freute sich, seine Schönheit zu schauen, und seine Liebe ging über in ihren Leib. Der Palast flutete von dem Duft des Gottes, und alle seine Wohlgerüche waren Düfte aus Punt.

Die königliche Gemahlin und Königsmutter Iahmes sprach zu der Majestät des herrlichen Gottes Amun, des Herrn der Throne der beiden Länder: »Mein Herr, wie groß ist dein Ruhm! Wie herrlich ist es dein Angesicht zu schauen! Du hast Meine Majestät mit deinem Glanz umfangen. Dein Duft ist in allen meinen Gliedern.« (So sprach sie), nachdem die Majestät dieses Gottes alles, was er wollte, mit ihr getan hatte.

Dann sprach Amun, der Herr der Throne der beiden Länder, zu ihr: »Hatschepsut ist also der Name dieser deiner Töchter, die ich in deinen Leib gelegt habe, entsprechend dem Ausspruch deines Mundes*. Sie wird das herrliche Königtum im ganzen Lande ausüben. Mein Ruhm wird ihr gehören, mein Ansehen wird ihr gehören. Sie wird die beiden Länder (Ägypten) beherrschen ... Ich werde sie alle Tage mit meinem Schutz umgeben gemeinsam mit dem Gotte des jeweiligen Tages...«

[* Der Name des Kindes wird gebildet aus Elementen der ersten Worte der Mutter nach der Empfängnis]

Nachdem Amun der Königin beigewohnt, den Namen des Kindes bestimmt und ihm die Herrschaft über Ägypten verheißen hat, spricht er mit dem Schöpfergott Chnum, der das Kind auf der Töpferscheibe aus Lehm bilden soll. Dabei beauftragt er ihn, dem Kinde einen ebenbildlichen Leib zu schaffen. Und Chnum antwortet ihm: »Ich bilde diese deine Tochter bereit für Leben, Heil und Gesundheit, für Speise, Nahrung, für Achtung, Beliebtheit und alles Gute. Ich zeichne ihre Gestalt aus vor der der Götter (Könige) in ihrer großen Würde eines Königs von Ober- und Unterägypten.«

Chnum schafft gemäß dem göttlichen Auftrag das königliche Kind Hatschepsut und dessen Geistwesen (ka) auf der Töpferscheibe, und die Göttin des werdenden Lebens, die froschköpfige Heket, reicht ihnen das Leben dar. Chnum spricht dazu: »Ich bilde dich mit diesem Gottesleib ... Ich bin zu dir gekommen, um dich vollkommener zu formen als alle Götter (Könige), gebe dir alles Leben und Glück, gebe dir Dauer und Freude ... und gebe dir alle Gesundheit, übergebe dir alle Flachländer und alle Bergländer sowie sämtliche Untertanen; gebe dir jegliche Speise und Nahrung und mache, dass du auf dem Throne des Horus erscheinst wie Re.

Ich mache, dass du an der Spitze aller Lebenden stehst, wenn du erschienen bist als König von Ober- und Unterägypten, so wie es dein Vater Amun-Re, der dich liebt befohlen hat.«
Chnums göttliche Gefährtin Heket schließt sich mit Segenssprüchen an und begabt das Kind durch ihre Worte mit Leben, Dauer und Glück in alle Ewigkeit.

Der Botengott Thot, von Amun entsandt, verkündet der königlichen Mutter Iahmes die Würden und Titel, die der Himmel für sie festgesetzt hat. Er heißt sie die Tochter des Erdgottes, Erbin des Osiris, Fürstin von Ägypten und Mutter des (kommenden) Königs von Ägypten. Amun, der Herr der Throne der beiden Länder, ist zufrieden mit deiner großen Würde einer Fürstin, die groß ist an Gunst, an Frohsinn, an Anmut, an Lieblichkeit und Beliebtheit, und beschließt seine Botschaft an die große Königsgemahlin Iahmes mit dem Wunsche, dass sie lebe, dauere, glücklich sei und im Herzen froh ewiglich.

Chnum, der Schöpfergott, und seine göttliche Gefährtin Heket geleiten die schwangere Königin zur Geburt an die Geburtsstätte uns sprechen dabei ihre Segnungen aus. Es spricht Chnum zu ihr: »Ich umgebe deine Tochter mit meinem Schutze. Du bsit groß, aber die, die deinen Schoß öffnet [=Erstgeburt], wird größer sein als alle Könige bisher ...« So sprechen Chnum der Töpfer ... und Heket ... die Entbinderin.

Die Königin, die sogleich danach schwanger geworden ist und nun die Geburtswehen erleidet, kommt in Gegenwart des Gottes Amun und der Göttin Mesechnet unter dem Beistand vieler Genien (Naturgeister) und göttlichen Ammen nieder. Nach einer langen Rede des Amun richtet Mesechnet ihre Segensworte an das Kind.

Abbildung links:

In der Mitte oben sitzt die königliche Mutter Iahmes und hält ihr neugeborenes Kind in den Armen. Sie trägt für den Akt der Geburt eine besondere Kopfbedeckung.
Eine Amme ist bereit das Kind in Empfang zu nehmen, während die übrigen Götter und Geister dem Kronprinzen Leben zureichen. Die beiden Genien unter ihrem Throne mit den erhobenen Armen symbolisieren ewigliches Leben in Gesundheit und Beständigkeit.
Vervollständigt ist dieses Bild im Original durch weitere Götter, Schutz- und Ahnengeister, die Leben und Freude spenden. Die ganze Szene spielt auf einem riesigen Bett mit Löwenpfosten, und beiderseits sind Amun und Mesechnet mit ihrem Segen anwesend.

Das Kind ist glücklich zur Welt gekommen, und Hathor, die Göttin der Liebe und Mutterschaft, stellt es dem göttichen Vater Amun vor. Der herrliche Gott Amun kommt, um seine geliebte Tochter ... zu sehen, nachdem sie geboren ist, und sein Herz ist überaus froh. Hathor streckt ihren Arm der Majestät des Gottes entgegen ..., und Amun erkennt das Kleine an. »Mein Bild ist es«, spricht er, »das ich gezeugt habe, meine Tochter ... Sei gegrüßt, Tochter meines Leibes, mein herrliches Ebenbild, das aus mir gekommen ist. Du bist ein König, der die beiden Länder Ägyptens in Besitz nimmt, auf dem Throne des Horus wie Re.« Amun küßt sie, umarmt sie, liebkost sie, weil er sie mehr liebt als alles.

Nach wiederholten Segnungen spricht er zu dem Kinde: »Willkommen mir, willkommen in Frieden, Tochter meines Leibes, meine geliebte Hatschepsut. Du bist ein König der (Ägypten) in Besitz nimmt und der erscheint auf dem Horusthrone der Lebenden ewiglich
Hathor spricht dem Kinde wiederum ihre Segenswünsche zu und überantwortet ihm aufs neue den Thron, das Land und unterstellt seine Bewohner seiner Leitung. Auf Befehl von Amun wird das Kind von göttlichen Ammen und Wärtern genährt, gepflegt und gehegt, erhält göttliche Milch zur Speise, und seine Lebenszeit wird auf Millionen Jahre bis in alle Ewigkeit festgesetzt. Später wird das Kind beschnitten und von seinem irdischen Vater [Thutmosis I.] feierlich zum Thronfolger ernannt.


»Mythos ist die Äußerung eines Vorstellungsinhaltes, in dem Götter und Menschen eine Rolle spielen.« (zitiert nach M. Görg)

Bild

Zur altägyptischen Mythologie:
»Ihrem Wesen nach ist eine altägyptische Mythologie, wie alle Mythologie, areligiös (=nicht religiös). Die Mythologie ist die einfache Negation zur Religion« (nach Prof. W. Beltz). Eine altägyptische Mythologie ist auch keine Darstellung der ägyptischen Geschichte Die Geschichte benutzt diese nur, soweit sie zur Aufhellung historischer Hintergründe notwendig ist. Forschungsergebnisse der ägyptischen Religionsgeschichte und der Geschichte im allgemeinen werden als Hilfen aufgenommen, die zur Deutung der Mythen notwendig sind.

Und Mythen sind schon gar keine Wissenschaft. Ägytische Mythen sind keine wissenschaftlichen sondern künstlerische sowie dichterische Versuche die frühzeitliche Welt zu erklären. Und eben diese Mythen bieten uns nicht nur ästhetische sondern auch subjektive Bilder und Metaphern von Verfassern, die sie für wahr und wirklich hielten. – Will man die Kunst und Kultur des alten Ägypten in ihrer tiefgreifenden Symbolik verstehen so offenbaren einen die Mythen der alten Ägypter eine mystische und magische Welt, ohne deren Bilder die europäische Kultur nicht denkbar wäre.

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