Kunst in der Amarna-Zeit

Zahlreiche in Ägypten gefundene unvollendete Plastiken, Entwürfe und nicht ausgeführte Reliefs dokumentieren das Schaffen der Maler und Bildhauer und geben Aufschluss über die Herstellungstechniken und deren Einsatz für künstlerische Aufgaben. Diese Dokumente stammen aus unterschiedlichen Perioden der Pharaonenherrschaft und von verschiedenen Fundorten im Niltal.
Tell el-Amarna, die von Echnaton gegründete Hauptstadt (altägyptisch: Achetaton), hat sich in dieser Beziehung als besonders ergiebig erwiesen. Hier fand man unter anderem auch die bemalte Kalksteinbüste der Nofretete, die heute in Berlin im Ägyptischen Museum zu bewundern ist.
Echnaton setzte neue Maßstäbe in der altägyptischen bis dahin traditionellen Kunst. Diese Kunst setzte an die bisherigen Förmlichkeiten eine übersteigerte Natürlichkeit an ihre Stelle. Wenn bisher der Gottkönig fehlerfrei und idealisiert dargestellt worden war, so wagte es Echnaton, sich völlig unköniglich, entspannt bis lässig und in lebendiger Kommunikation mit seiner Umwelt abbilden zu lassen.

Das "merkwürdige" Aussehen Echnatons ist Ausdrucksform eines neuen Glaubens; eine Abstraktion, die sich bewußt von der Wirklichkeit entfernt, um durch außergewöhnliche Merkmale »auf die Echnaton verkörperte Gottesnatur« hinzuweisen.

(Zitiert nach Schlögl)

Echnaton


Naturalistische und realistische Amarna-Kunst

Der religiöse Umbruch unter Echnaton bewirkte die Entstehung eines Darstellungsstils, der heute allgemein unter den Namen »Amarnakunst« bekannt ist. Im dritten oder vierten Regierungsjahr trat ein neuer, völlig ungewohnter Kunststil hervor. Diese Veränderung betraf in erster Linie das königliche Portrait, sodann die ganze Bildniswelt. Die bestehende Formenwelt wurde aufgelöst und durch eine andere ersetzt. Die Zeit Echnatons, nach der neuen Hauptstadt auch Amarna-Zeit genannt, nimmt in der ägyptischen Kunst eine Sonderstellung ein. Echnaton hatte mit den religiösen Traditionen seines Landes gebrochen und verehrte allein die Sonne, als deren irdische Verkörperung er sich selbst sah.
Nofretete war die Gemahlin Echnatons. Sie ist bekannt durch die farbig gefaßte Portraitbüste in Berlin. Es gibt auch einen unvollendet gebliebenen Kopf, der eine spätere Variante bildet; beide Arbeiten repräsentieren die vergeistigte Atmosphäre der Amarna-Zeit. Im Gegensatz zu vielen Büsten Echnatons ist diese Büste der Nofretete realistisch. Sie zeigt Anmut und königliche Würde zugleich.

Schönes Beispiel für die bildhaft realistische Kunst in der Amarnazeit:
Das Königspaar zeigt sich betont vertraut miteinander. Sie reicht ihm Blumen, er blickt sie liebevoll an.

Copyright: bpk / Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, SMB. Foto: Anja Semling


Abb. oben: Relief eines Königspaares (wahrscheinlich Tutanchamun und Anchesenamun). Neues Reich, Amarnazeit,18. Dynastie, Kalkstein bemalt, 25 x 20 cm.

Standort: Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, Staatliche Museen zu Berlin.

Copyright: bpk / Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, SMB. Foto: Anja Semling



Typische Ausdrucksmerkmale der Amarnakunst - expressionistisch:
Statuen und Reliefs präsentieren sich in einer extremen und expressionistischen Übersteigerung sowie in Verzerrungen. Sandsteinkolosse von Echnatons Antlitz sehen oft so aus: überschmales Gesicht, schräg sitzende Augen, lange Nase, wulstig aufgeworfene Lippen, dünner Hals, gestreckter Körper, Bauchpartie ausladend, fette Oberschenkel, lange dünne Arme und Unterschenkel.

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